SEXPRESSIONS
PEDRO PALMA VS CLARA PINTO CORREIA

 

GLORIA



Ich bin fünfzig Jahre alt. Langsam, ganz langsam, fast ohne dass ich es gemerkt hätte, sind meine sechs Kinder ihrer Wege gegangen, bis sie weit weg waren, ganz weit weg. Ich lebe schon schon lange allein mit Shakti, in einem kleinen Haus hoch oben auf dem Berg, am Rand des Waldes, der nirgendwo aufhört, und gegenüber der Wellen des Atlantiks, der niemals endet. Meine Freunde kommen oft vorbei, aber die Gesellschaft der Männer hat mich schon zur Genüge enttäuscht, und die der Frauen interessiert mich kein bisschen. Ich lebe in Frieden.

Wenn es Nacht wird, lege ich mich gerne im Dunkeln mit Shakti hin, trinke ein Glas und rauche in absoluter Stille. Durch das offene Fenster höre ich das Rufen der Eulen und das Quaken der Frösche, den fallenden Regen und das Trappeln der Pferde. Es ist gut so. Es füllt mich mit Energie, und ich habe Lust auf alles.

Heute Nacht – ich weiß nicht, wieso – kann ich meine Augen nicht vom offenen Fenster abwenden.

Ich habe gerade an eine andere Nacht gedacht, die in die Geschichte eingegangen ist, vor dreihundert Jahren schon, als John Adams, der der zweite Präsident der Vereinigten Staaten werden sollte, und Benjamin Franklin, der visionärste unter den Gründervätern, gerade Kampagne für die Amerikanische Revolution machten und unterwegs das gleiche Bett in einer Herberge teilen mussten.

Ich sehe noch einmal zum offenen Fenster hin. Da ist etwas in mir, was sich aufbäumt, unruhig, so als ob da, ganz plötzlich, ein riesengroßes Mysterium daherkäme. Dieses Mysterium ist es, das die zwei weisen Männer die ganze Nacht diskutierten, damals, im achtzehnten Jarhundert, in besagtem Zimmer, in dem nur ein Bett stand. Genau wegen dem Fenster.

John Adams, frommer Calvinist, der er war, bestand darauf, dass das Fenster geschlossen bleibe müsse, sonst würden sie beide an Lungenentzündung sterben. Benjamin Franklin, ein leidenschaftlicher Deist, für den die Natur nichts anderes als die gütigste aller Damen sein konnte, hörte nicht auf zu schreien, dass das Fenster geöffnet bleiben müsse, damit die nächtlichen Zephyre hereinkommen und ihrer beider Körper und Geist mit reiner und erneuerter Energie erfüllen könnten.

Das Fenster ging auf und zu, immer wieder, bis der Morgen anbrach.

Calvinisten! Im Ernst, ich, dich gerne alle Glaubensrichtungen respektiere, verstehe sie nicht. Natürlich kann die Natur nur die gütigste aller Damen sein, selbst in ihren eindrucksvollsten und zerstörerischsten Manifestationen. Es ist ihre Aufgabe, den Planeten zu formen und das große Rad am Drehen zu halten. Und uns jede Nacht die Zephyre zu schicken, die uns erneuern, wie die, die jetzt gerade in mein Zimmer dringen und mich erschauern lassen.

Ein sanfter Wind, schwer von den Düften des Waldes, streifte mir über das Gesicht, spielte mit meinen Haaren, schlang sich um sie herum wie eine Kobra, und ging nicht fort.

Hier passiert etwas. Das ist nicht normal.

Mit dem Wind ist noch etwas anderes in mein Zimmer gekommen. Ich kann es nicht gut sehen, ich kann es nicht sehen, aber – und das ist sonderbar – ich habe überhaupt keine Angt.

Es ist etwas Mächtiges, und es muss etwas Gutes sein, denn Shakti hat nicht geknurrt, und auch die Haare stehen ihr nicht zu Berge. Sie springt einfach nur schnell auf den Boden, so als ob sie ihm seinen Platz an meiner Seite einräumen möchte. Was auch immer es ist, es hat schon ganz sanft meine Haut berührt. Es hat mich schnell aufgewärmt in dieser kalten Nacht. Ohne jegliche Umstände lässt es sich an meiner Seite nieder. Das kann nur ein Tier sein. Ein sehr warmes Tier.

Ich kenne die Gefahr schon seit langem, und schon seit langem ist sie mir so was von egal. Die Hitze des Tieres wärmt mich und belebt mich, vom Grunde meiner Einsamkeit, von tief unten dort, wo ich meinen Frieden erbaut hab. Ich gleite in seine Richtung. In seiner Aura fühle ich mich, wie ich mich noch nie gefühlt habe, ich falle in eine Badewanne voll Honig. Es ist alles so süß und so still, auf dieser Seite des Bettes, wo sonst immer Shakti liegt. Ich höre, wie eine Stimme, die ich nicht kenne, Worte ausspricht, die ich noch nie gehört habe, ganz ruhig. Diese Kreatur kann sprechen. Und sie spricht zusammenhängende Sätze. Aber erst, als sie mich mit unendlicher Sanftheit ganz umarmt – Beine, Arme, Hände, Haare, Hals, Kinn –, wird mir das Ausmaß meines Irrtums bewusst. Dieses Tier ist ein Mann. Heute Nacht ist ein Mann durch mein Fenster hereingeflogen, hereingeblasen von den nächtlichen Zephyren.

Das Dunkel der Nacht, mit all seinen entfernt funkelnden Lichtern, war immer schon mein Freund. Dieses Jahr ist Mars deutlich zu sehen, und ich sehe seinen unverwechselbaren roten Schimmer durch das offene Fenster. Ich will, vor allem anderen, die Augen nicht zumachen. Ich will alles in mich aufnehmen, von dem ich weiß, dass es nie wieder passieren wird. Shakti schläft tief und fest, und hin und wieder brummt sie in ihren Träumen vor sich hin. Der Mann, der mit dem Wind gekommen ist, ist sehr groß. Er hat meine Beine zwischen den seinen gefangen genommen, als ob ich ein schwerelos Spielzeug wäre, und er ist dabei, meinen ganzen Körper zu erforschen, mit festen und sanften Händen, die so groß wie ich zu sein scheinen. Er hört nicht auf, mit mir zu sprechen, ganz ruhig, mit seiner von Musik von ganz weit her erfüllten Baritonstimme. Ich kann nicht mit ihm sprechen. Ich tue nichts weiter, als mich bedingungslos darzureichen und zu lächeln. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich weiß, dass er auch lächelt.

Der sehr große Mann scheint Spaß zu haben, so als ob er – auch er – schon lange nicht den Scham-losen und glücklichen Körper einer Frau genossen hat, die es liebt, sich hinzugeben. Dieser sehr große Mann ist dabei, sich zu vergnügen. Er gleitet mit der Zunge über meinen Hals, über meine Ohren, er lässt kalte und warme Schauer durch meinen Körper rieseln, und ich lache. Er fängt wieder an zu sprechen, er bringt mich zum Schwitzen, streichelt mir zärtlich das Haar, und gleich darauf reißt er mit aller Kraft daran, bis er mich zum Schreien bringt. Wenn ich schreie, lacht er. Und zieht mich noch mehr zu sich heran. Dann hält er sein Spielzeug gegen den mächtigen Oberkörper, den ihm die Natur geschenkt hat, ganz langsam, über meinen Schultern atmet er tief ein und aus. Das ist ein Mann, der gerne spielt. Er hat tatsächlich wenig Menschliches an sich.

Gut, das hier ist also ein Spiel, richtig? Denn wenn es ein Spiel ist, dann weiß ich auch, wie man es spielt. Und ich habe Lust dazu. Mir ist gerade danach, mich grenzenlos jung zu fühlen. Ich fange an, ihn von mir wegzustoßen, als ob ich keine weiteren Liebkosungen wollte – ich stoße ihn weg mit all meiner Kraft, die überhaupt keine ist gegen seine. Er nimmt meine Beine mit aller Kraft zwischen den seinen gefangen, ich versuche, mich mithilfe meiner Knie zu befreien, ich versuche, ihn an den Haaren zu reißen, aber er nimmt meine Hände gefangen, wir lachen beide viel, sogar Shakti wacht aus dem tiefen reinen Gewissen ihres Schlafes auf.

In diesem Moment lässt er sich ablenken, ich bekomme eine Hand frei und mache das Licht meiner Nachttischlampe an.

Als ich das erste Mal hinsah, glaubte ich, hier, an meiner Seite, in meinem Bett, die tausende Jahre alte Statue eines griechischen Halbgotts gesehen zu haben.

Und es ist hier, wo ich, ganz plötzlich, Angst vor meinem eigenen Geist bekomme.

Die Deisten des achtzehnten Jahrhunderts, die die Fenster schön weit offen haben wollten, glaubten, dass von der Natur nur Gutes auf sie zu kommen könne. Spinoza hatte gesagt, in der knappsten und ansprechendsten Formel von allen, Deus sive Natura: Gott oder die Natur, man muss sich nicht mit weiterem theologischen Überlegungen plagen auf der Suche nach dem Unterschied zwischen zwei Einheiten, die eigentlich eins sind. John Locke hatte gesagt: Die Werke der Natur sind überall Beweis genug für die Existenz des Göttlichen. Beide waren sie extrem rationale Menschen, von der Mission beseelt, die geistige Welt des europäischen Kontinents zu vereinfachen, nach mindestens drei Jahrhunderten Blutbad und Folter, die in unserer Geschichte zum damaligen Zeitpunkt seinesgleichen suchten – alles begangen im Namen Gottes.

Will sagen. Ich, hier, dabei, dieses ganze große künstlerische Gebäude zu konstruieren, zu dem mich die Hände dieses Mannes inspirieren. Und, wie es so oft vorkommt, dabei, ganz und gar die irrationale Seite unserer Existenz zu vergessen, wo sich so oft die tiefgreifendsten unserer Handlungen kristallisieren. Für die Deisten kamen überhaupt keine heidnischen Götter in die Tüte, oder irgendwelche Heiligen, denen ja ohnehin von der der Christianisierung des Römischen Reiches zu Zeiten Kaiser Constantins ihr Platz zugewiesen worden war. Vielleicht hatte ich mir erwartet, ein Wunder der Natur zu sehen, hier an meiner Seite im Bett, ich weiß es nicht – jetzt, wo ich dran denke: vielleicht irgendeine phänomenale Komposition von Arcimboldo.

Das wäre allerdings ganz schön erbärmlich.

Was ich ganz sicher nicht erwartet habe, war diese Perfektion der Linien, dieses marmorne Lächeln, diese perfekte Symmetrie der Züge, diese haargenaue und unerbittliche Schönheit eines Antínoos, den man unter den Steinen vergessen hat, oder eines Renaissance-David in einem Museum. Es ist die warme, feuchte Beweglichkeit des Körpers der Statue, die sich immer näher an mich drängt. Alles widerspricht sich, während unsere Lust hoheitsvoll immer höher hinaufklettert auf demselben Réaumur-Thermometer, das die Temperatur maß am Tag des Erdbebens von Lissabon im Jahre 1755. Hat das hier denn keine anderen definierten Grenzlinien? Umso besser.

Im ungeheuren Glanz dieser Nacht ohne Regeln, erlaube ich mir den Luxus, die Augen zuzumachen aus purer Lust, endlich, als der magische Mann über mich kommt und mich ein für alle Mal von sich erfüllt, strotzend vor Kraft, heiß, ganz, erfüllt von einem Begehren so groß wie meines, jetzt so ruhig und völlig vertieft in das, was wir tun, wie ich es bin. Ich lasse mich davontragen von dieser wunderbaren Welle desselben Meeres, das mit einem lauten Tosen über den Strand hereinbricht und durch mein Fenster schäumt, und erst viel später mache ich die Augen wieder auf.

Der klassische Archetyp ist verschwunden. In mir, über mir, schaut mich, mit einem Blick, er genauso viel Lust wie Überraschung enthält, ein präraphaelitischer Erzengel Krieger an. Es ist, als ob ein göttliches Wesen, das auf einem weißen Pferd gekommen ist, um das Böse zu bekämpfen, für einen Moment den Bogen niedergelegt hat, und die Pfeile, und den Speer, und vielleicht sogar das Schwert. Und das alles, weil es einer unkontrollierbaren Versuchung nachgegeben hat, zu einhundert Prozent außerprogrammmäßig, die jetzt zu seinen Sinnen spricht auf eine ihm bisher nicht bekannte Art und Weise, und, wie sich herausstellte, auf eine sehr befriedigende Art und Weise.

Mein Gott, es ist so schön.

Ich kann meine menschlichen Augen nicht von seinen flüssigen Pupillen abwenden.

Vielleicht kann das Böse ja während dem, was von der Nacht noch bleibt, ein bisschen frei herumlaufen.

Nein. Ein Hauch war genug, ein flüchtiges Aufwerfen des roten Tuches, und der Erzengel ist weg. Das Böse soll den Überfall aushalten, denn in meinem Bett ist die ganze Unternehmung in neue Höhen gestiegen. Ich weiß nicht, wer mich auf diese Weise besitzt. Ich wusste nicht einmal, dass es möglich ist, so hoch über der Erdoberfläche zu fliegen. Noch einmal mache die Augen wieder zu, noch einmal lasse ich mich davontragen, ich fühle den Schweiß an unser beider aneinandergeklebter Körper hinunterrinnen, ich höre, wie der Atem, der aus seinen Nasenlöchern strömt, immer wilder wird, und alles in seiner Umarmung sagt mir immer noch, dass ich keine Angst haben soll. Als ich die Augen öffne, fällt mir nur ein einziges Wort ein –  Bukephalos.

Es hat etwas unbenennbar Erhabenes, die Frau des schwarzen Schlachtrosses zu sein, das Alexander den Großen in all seinen Schlachten begleitete. Und etwas noch Erhabeneres, mit ihm gemeinsam den Höhepunkt zu erreichen, in einem endlosen Schrei, der den Berg erschüttert und das Meer zum Schweigen bringt.

In diesem geheimen Pakt schlafen wir in Frieden ein, völlig erschöpft und ganz ineinander verschlungen.

Ich stand langsam auf, als die süßen Morgenbrise voller Blumen sanft in der Kletterpflanze spielte, um Shakti die Tür zu öffnen. Ich fühlte mich innen drinnen glitzern. Das mythologische Wesen war immer noch da, mitten im hellsten Tageslicht.

Du, Schatzi, bringst du mir von unten einen Kaffee? Bitte schön?

Was zum Teufel...?

Ich drehte mich um, als ob mich ein Insekt gebissen hätte, das Herz schlug mir bis zum Hals. Das da war ein Mann. Er hatte sich in der Mitte der Kissen aufgesetzt, die Haare ganz struppig und wirr, und war dabei, sich mit einem breiten Banditengrinsen eine Zigarrete anzuzünden.

Was... Du kannst also sprechen?

Nur, wenn sichs auch lohnt.

Und machst du das öfter, einfach so hereinzufliegen, so mir nix dir nix, mitten in der Nacht, durch jemandes Fenster?

So mir nix dir nix? Das fehlte ja grade noch. Das hab ich nur gemacht, weil ich zu dir rein wollte.
Hör mal, Wunder der Natur. Ich bin fünfzig Jahre alt. Mir scheint, dass ich schon lange nicht mehr an Wunder glaube, weißt du.

Aber geh bitte, spar mir das Gerede, Rotznase. Ich bin so alt wie die Erde selbst, und ich hab es satt, nie mehr zu sein als ein bloßes Wunder der Natur, und ich sehe nicht ein, warum nicht, zwischen uns beiden, ein Wunder geschehen sollte. Im Ernst. Seit Jahrhunderten bin ich unterwegs und lasse sie alle zur Welt kommen – Große Kaiser, Große Krieger, Große Entdecker, Große Künstler, Große Wissenschaftler...

Hört, hört. Kannst du nur Männer zeugen?

Ich bin auch der Vater der Heiligen Johanna von Orleans.

Eine Verrückte, die sich als Mann verkleidet hat?

Jetzt hör mal zu. Die Mütter hatten das ganze Vergnügen, der Nachwuchs hatte die ganzen Kopfschmerzen und die ganzen Messerstechereien im Senat, also sag ich mal, das Spiel geht mehr als gerecht aus für deine Seite – oder bin ich hier am Fantasieren? Ich sag dir, wenn ich wirklich was gelernt habe, ist das, dass zu allen Zeiten, an allen Orten, von der Mutter von Aristoteles bis zur Mutter von Obama, alle Menschen an Wunder glauben, hörst du, und das sage dir ich, der ich schon alles gesehen habe, alles weit und breit. Welches ist unser Wunder? Du befreist mich aus der Ewigkeit, ich befreie dich aus der Einsamkeit... Verdammt nochmal, du bist wirklich scharf, Mädl. Komm her, gleich mach ich dir ein Kind, eins von diesen ganz normalen.

Von diesen ganz normalen? Einer Frau in den Wechseljahren?

Die Bibel ist voll davon.

Verrat mir wenigstens deinen Namen, du Depp.

Und der Kaffee, den ich schon vor circa drei Mal vierzehn Tagen bestellt hab, Mädchen? Ich sag überhaupt nichts mehr, bevor du mir nicht meinen Kaffee gebracht hast.

Spitze. Jetzt hast Du mich überzeugt. Du bist tatsächlich ein Mann. Ich hole Ihren Kaffee ohne weitere Verzögerungen, Herr Chef. Und, wenn wir schon einmal dabei sind: Wie lange gedenkst du hierzubleiben? Nur damit ich dann schon einmal in den Laden gehen kann, um all die Schweinereien zu kaufen, die Männer so mögen?

Er streckte sich genussvoll ganz aus, das verschlagene Grinsen wurde immer süßer.
Bis ans Ende aller Tage, mein süßer kleiner Seestern.

 

 

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

 

AUTHOR'S NOTE

 

 PEDRO PALMA - Bild
 

Darüber, mit vielen Frauen ich im Laufe meines Lebens geschlafen habe, kann ich nur eine ungefähre Vermutung anstellen. Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass alle Frauen, mit denen ich Sex hatte, in dem Moment, in dem die sexuelle Lust am größten war, wann immer sie zum Höhepunkt kamen, einen Ausdruck großen Leids zeigten. Wäre es nicht logischer, dass ihr Gesicht einen Audruck vollkommenen Glücks offenbarte?

Ich habe nie verstanden, warum. Und die langen Gesprächen mit Freunden, und Freundinnen – viele davon Inhaber und Inhaberinnen einer akademischen Ausbildung, was in mir die vergebliche Hoffnung auf Aufklärung über das Phänomen weckte – gaben mir nie befriedigende Antworten.

Neugierig, wie ich bin, gerade auf Gesichtsausdrücke – von daher auch meine fotografische Leidenschaft für das Porträt –, begann ich, dem Gesichtsaudruck meiner Frauen während des Geschlechtsverkehrs immer mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ich hatte oft Sex mit durchgehend offenen Augen, was bei einem normalen Geschlechtsakt wohl alles andere als normal ist, und so fiel mir noch etwas anderes, noch Faszinierenderes auf: Jede gängige Enzyklopädie wird Ihnen mitteilen, dass ein durchschnittlicher sexueller Akt drei bis vier Minuten dauert. Ich teile Ihnen mit, dass sich im Gesicht einer Frau während dieser drei oder vier Minuten tausende verschiedene Gesichtsausdrücke zeigen.

Als ich mich eines Tages mit Bild- und Rechensoftware an meinen Computer setzte, kam ich zu einem a priori unglaublichen Schluss – und ich versprach mir, mich selbst mithilfe eigener Aufnahmen davon zu überzeugen, dass er stimmte. Ich lieferte mir meinen Beweis mit mehr als zweitausend Fotos und mehreren fast simultan (mit jeweils einer Drittelsekunde Abstand) auslösenden Kameras, die festhalten konnten, was eine Filmkamera in Anbetracht der klassischen 16 Bilder pro Sekunde nicht bzw. nur mit einer Bildqualität weit unter der einer Fotokamera könnte.

Drei Digitalkameras, montiert, um fast perfekt synchron ihre Bilder zu schießen, schafften es, drei Bilder pro Sekunde aufzunehmen (manche davon allerdings verwackelt aufgrund der schnellen Bewegungen des zu fotografierenden Objekts), mit einer Genauigkeit, die einer Filmkamera unmöglich wäre. Aus den ungefähr 6.000 Aufnahmen durfte ich nicht mehr als zwanzig auswählen... Eine erschöpfende Arbeit, die mehrere schlaflose Tage und Nächte mit sich brachte.

Dieses Projekt konnte ich nicht mit einer x-beliebigen Frau, die ich in irgendeiner Bar aufgegabelt hätte, durchführen können. Es musste mit der Frau sein, die ich liebe, damit das Endergebnis echt und wahrhaftig sein konnte. Was ich festhalten wollte, waren die vielen verschiedenen Ausdrücke, die nur echte, wahre Liebe hervorbringen kann – tiefe Zärtlichkeit und pure, grenzenlose, ungebändigte Freude.

Das Ergebnis liegt hier vor, und es zeigt, was die meisten Menschen nicht sehen, während sie Sex haben oder Liebe machen, oder während sie Sex und Liebe vereinen und teilen –: die sexuellen Ausdrücke einer Person, die liebt, und deren Partner/in nicht das fotografische Gedächtnis hat, das uns die moderne Technologie ermöglicht.

Ich habe fotografisch dokumentiert, was ich sehe, ich habe Claras Perspektive gelesen, wir haben das Thema ausführlich diskutiert, aber ich bin immer noch nicht ausreichend im Bilde. Vielleicht ist der Sex (die Liebe) eben genau das. Etwas, das man tun, aber nicht beobachten kann.  Etwas, das man fühlt, ohne dass es notwendig wäre, davon zu erzählen. Sind wir zu weit gegangen, oder nirgendwohin? Was passiert im menschlichen Geist währen des sexuellen Aktes, der uns verändert, der uns verwandelt, der uns zu dem macht, was wir nicht sind außerhalb dieser speziellen Bühne, wo uns sonst niemand sieht? Wer, oder was, sind wir, während wir Liebe machen?

 

 

 

CLARA PINTO CORREIA - Text
 

Wir hatten einander E-Mails geschrieben. Wir hatten telefoniert. Wir hatten gespürt, wie die Töne der Spannung und der Vertrautheit zwischen uns ganz still und leise lauter geworden waren, wie in einer Reise an einen unveränderlich festgelegten Zielort, der nicht unsere, der nicht unserer Kontrolle unterliegt. Aber erst, als ich ihn am Flughafen sah, so grandios anders als alle anderen, brach sich etwas diese enorme Bresche in mein Herz, das ganze Licht des beginnenden Morgens floss zusammen und ergoss sich darin, und ich – ich, die ich mit 48 schon unter die Ungläubigen gegangen war, die ich aufgehört hatte, an die Liebe zu glauben, die ich geschworen hatte, nie wieder zu heiraten, nicht einmal mehr meinen Lebensraum mit jemandem zu teilen –, ich sah ihn und eine unverwechselbare Wärme durchströmte diesen meinen Körper, damals durch und durch überarbeitet und ausgetrocknet, eine unergründliche Zärtlichkeit brachte mich zum Lächeln und dazu, mich ganz in seinen Armen zusammenzurollen, und vom Grunde meiner mit Stacheldraht verschnürten Seele brach die Stimme von Leonard Cohen herauf:

We’ll be going down so deep

That the river’s gonna weep

And the mountain’s gonna shout AMEN!”

Ja, ich kann es nicht leugnen, ich fühlte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Es war so verwirrend, dieses Gefühl, dass es stimmte, dass es Wunder gab. Und dass sie uns im Leben gerade dann begegnen, wenn wir sie schon längst nicht mehr erwarten. Es war so erfüllend, dass die Geschichte an genau jenem Tag ein Ende hätte finden können und es wäre schon alles wert gewesen. 

Jetzt spreche ich also von diesem Moment – von einem Moment, der sich ganz tief und für immer in meine Erinnerung eingraben wird, weil, wenn nicht dieser Mann, der Fotograf, gewesen wäre, und wenn wir nicht gleich am Ende dieses Vormittags gemeinsam, Hand in Hand, das Projekt geschaffen hätten, das sich Euch hier und heute präsentiert, dann hätte ich nie darin eingewilligt, bei dieser Arbeit mitzumachen. Künstlerisch ist sie, zweifelsohne, sehr interessant. Aber ich bin keine Künstlerin. Ich bin, so wie jeder und jede andere, ein Mensch, – der aus der Asche wiederaufersteht dank dieser speziellen Form von Energie, die wir uns nur aus der Liebe holen können. Ich habe mich diesem Abenteuer ausschließlich in meiner Eigenschaft als verliebte Frau angeschlossen. Und, ganz genau gesagt, als in den Fotografen verliebte Frau.

Liebe und tu, was du willst, sagte uns der Heilige Augustinus.

Das ist es, was die Menschen in der westlichen Welt permanent und immer mehr vergessen, und deswegen kommt es, dass die Flamme immer schwächer wird und sich die Menschen immer einsamer fühlen: Wie schon Candide am Ende des gleichnamigen Romans von Voltaire betont (ohne dass ihm, bereits am Ende des 18. Jahrhunderts, irgendjemand besondere Aufmerksamkeit schenken würde) „il faut cultiver notre jardin“. Es gibt keine Krise, es gibt keine Not, es gibt keine materielle Frustration, die es rechtfertigen würde, dass ein Paar es verabsäumt, seine Liebe zu nähren. Für die Liebe gibt es keine mehr oder weniger gut ausgeführte Nachahmung, so sorgfältig die bemühten Fälscher der Marke auch arbeiten mögen. Zu lieben, ernsthaft zu lieben, ist eine Kunst, die sich nicht vereinbaren lässt mit Ablenkungen, mit Misshandlungen, mit Lügen, mit mehr oder weniger boshaften Bezeugungen von Langeweile; sie lässt sich auch nicht vereinbaren mit Hektik und Abwesenheiten; und auch nicht mit den Instant-Ersatzbefriedigungen, zu denen uns alle möglichen Köder unseres Jahrhunderts hinlocken, oder mit den langen Zeiten der mangelnden Übung, in die uns Depressionen und die ewige Jagd nach dem Erreichen höherer Ziele hinabrutschen lassen.

 Wenn wir es vermögen, unsere Liebe voll und ganz und bedingungslos unserem Partner hinzugeben, lassen wir den ganzen Glanz unserer Seele an die Oberfläche treten.

Und so kommt es, dass wir uns in diesen Momenten verwandeln; und wenn wir so verwandelt sind, dann sehen und hören wir, was unseren Sinnen zu allen anderen Zeiten verborgen bleibt.

 

 

 

 

 

 

Das Antlitz der Hingabe

Über gerade erst vergangene Jahrhunderte hinweg war es unmöglich, von der weiblichen Ekstase zu sprechen, und das nicht nur aufgrund der Angst vor der Natur, die dazu führt, dass man die Fenster schließt – aufgrund eben jener Angst, die Clara Pinto Correia uns vergegenwärtigt in der wunderschönen Fabel, die diese Ausstellung der Hingabe erleuchtet.

In den Frauen zeigt sich die Natur in ihrer ganzen Gewalt, nicht nur, weil sie, außer Schmetterlingen, auch so wilde Tiere wie Menschenkinder in ihren Bäuchen tragen können, oder weil sie Zyklen haben, Launen, feuchte und trockene Perioden wie die Felder – sondern auch, weil sie durch ihr Begehren über die Trümmer hinauswachsen. Sie gedeihen mit der ungebändigten Kraft jener Pflanzen, die wir Unkraut nennen, und sie erstrecken sich über alles, was um sie herum gedeiht. Sie verbreiten ihren Duft. Sie stacheln das Leben an. Deswegen wurden und werden sie so sehr zur Selbstvergessenheit und zur Zurückhaltung erzogen. Dazu, zu lächeln, anstatt lauthals herauszulachen, dazu, ihren Körper zu bedecken, ihre Gesten dezent zu halten, zu gehorchen, zu warten und zu akzeptieren. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verursachten die „Novas Cartas Portuguesas“ („Neue portugiesische Briefe“) von Maria Isabel Barreno, Maria Teresa Horta und Maria Velho da Costa einen Skandal und brachten ihre Autorinnen in Portugal vor Gericht, weil diese darin klar und souverän über das Begehren und die Lust der Frauen sprachen.

Noch heute verstört das Thema: Sex ist Macht, Sex ist der Stock. Ein Stock, unter dessen Schläge sich die Frauen unterwerfen, im besten Fall aufgrund von Liebe, einer alles und nichts umfassenden, ätherischen, diffusen Liebe. Und so will man es auch haben – aber die Liebe der Frauen ist fleischlich und brennend, die Liebe der Frauen ist Sex in seiner ganzen Pracht, ein tropischer Wirbelsturm, der die Temperatur der Welt verändert.

In „La sagesse d’amour“ („Die Weisheit der Liebe“) definiert der Philosoph Alain Finkielkraut die Liebe als jene Religion des Antlitzes, die seine Darstellung verbietet“. Und er schreibt: „Das geliebte Gesicht ist weder schön noch erhaben. Es ist nicht unaussprechliche Pracht, kein unbeschreibliches Meisterwerk, sondern eine Gegenwart, die sich nicht eingrenzen lässt. Um seinen Fragen ein Ende zu bereiten, wünscht der Liebhaber sich zweifellos für den Anderen die Unveränderlichkeit eines Idols und dass die Regungen seines Gesichts in der Schönheit zur Ruhe kommen. Aber dieser ästhetische Götzendienst bleibt, wenn wir einmal so sagen dürfen, ein frommer Wunsch. Liebe liegt nur in dieser Unmöglichkeit, der endlosen Flucht, dem unendlichen Ausbrechen des Anderen Einhalt zu gebieten.“

Diese Ausstellung ist ein von der Leidenschaft erweckter und Leidenschaft erweckender Essay über diese endlose Flucht eines Gesichts über die geheimen Wege des geteilten Begehrens: Es ist das Antlitz einer Frau, die sich zeigt in dem, was es von sich selbst nicht kennt und was ihm kein Spiegel bieten kann – das bis zur Unkenntlichkeit verzerrte, abgründige, wahrhaftige, mysteriöse Bild höchster Lust. Erotik ist Welle, Tanz, die Bewegung der Hingabe: Die Statuen von heiligen Männern oder Helden zeigen uns diese in Posen des Handelns; weibliche Heilige und Heldinnen sehen wir in der ekstatischen Pose der Anbetung, des Schmerzes oder der Kontemplation. Innerhalb der Gitter, zwischen die man die Sexualität der Frauen bis heute einsperrt – furchterregend, weil katzenhaft, unerschöpflich, erfinderisch, unermüdlich. Unser angeblich so befreite und befreiende Kultur erhebt den Körper der jungen Frau zum männlichen Spielzeug und in gut belichtete Höhen und verbietet – in Zeitschriften, im Kino, in der Werbung, sogar in der Literatur –, durch ihre Abwesenheit oder durch ihre Lächerlichmachung, die sexuelle Inbrunst der reifen Frau. Aus Furcht vor ihrer Weisheit, vor ihrer Kraft und vor ihrer Freiheit. Clara Pinto Correia und Pedro Palma haben es gewagt, dieses totalitäre Verbot zu ignorieren.

Sexpressions“ ist, mehr noch als eine erotische und künstlerische Grenzerfahrung, ein wichtiges politisches Manifest.

 

Inês Pedrosa

 

Vorwort.

 

Inês Pedrosa ist Kommunikationswissenschaftlerin und in Portugal eine der meistgeschätzten Journalistinnen und Schrifststellerinnen der Gegenwart. Sie ist bekannt als Mitbegründerin der Wochenzeitschrift O Independente, als ehemalige Herausgeberin der portugiesischen Marie Claire und für ihr Engagement in frauen- und gesellschaftspolitischen Fragen wie der Legalisierung der Abtreibung im Jahre 2007 [sic!] oder der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe Anfang 2010. Seit Februar 2008 ist sie als Direktorin der Casa Fernando Pessoa in Lissabon im Kulturmanagement tätig. Ihr aktueller Roman, Os Íntimos (2010, noch nicht auf Deutsch erhältlich), steht in Portugal seit seinem Erscheinen auf den Bestseller-Listen und ist vor Kurzem in die zweite Auflage gegangen.

 

Inês Pedrosa lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Lissabon. Sie schrieb das Vorwort zu „Sexpressions“ noch bevor sie die Fotos überhaupt zu Gesicht bekommen hatte, so überzeugt war sie von der Richtig- und Wichtigkeit des Projekts.

 

Auf Deutsch von Inês Pedrosa vorliegende Titel:


In deinen Händen (Nas tuas mãos, 2002, Luchterhand-Verlag)

Du fehlst mir (Fazes-me falta, 2004, Luchterhand-Verlag)

 

_______________________________________________________

 

Die AutorInnen. 

TEXT

 

CLARA PINTO CORREIA verbindet seit über 25 Jahren Schriftstellerei, Journalismus, kulturelles und gesellschaftspolitisches Engagement und Naturwissenschaft auf höchstem Niveau. Als unermüdliche Quer-, Drunter- und Drüberdenkerin spannt die vielgereiste Entwicklungsbiologin Bögen zwischen ihren unterschiedlichen Betätigungsfeldern als international renommierte Wissenschaftlerin, Journalistin in Presse, Rundfunk und Fernsehen, Schriftstellerin und einer ausgedehnten Vortragstätigkeit zu Themen wie Wissenschaftsgeschichte (mit Schwerpunkt auf Fortpflanzung und Fruchtbarkeit), Sprache und weiblicher Identität. Neben ihren Forschungs- und Lehrtätigkeiten, unter anderem an der University of Harvard oder als ordentliche Universitätsprofessorin an der Universidade Lusófona in Lissabon, ist sie Autorin von mehr als 40 so unterschiedlichen Publikationen wie Romanen, Kinderliteratur, Essays und Kolumnen und wissenschaftlichen Artikeln und Büchern, darunter beispielsweise die unter anderem auf Spanisch und Japanisch übersetzte Kulturgeschichte der Fortpflanzungstheorien “The Ovary of Eve”.

Clara Pinto Correia lebt bei Sintra in der Nähe von Lissabon. ”Sexpressions” ist ihr erstes Projekt in Kollaboration mit einem visuellen Künstler.

Auf Deutsch von Clara Pinto Correia vorliegende Titel:

Auf Wiedersehen, Princesa (Adeus princesa, 1995, dtv)

Das Alphabet der Frauen (Ponto pé de flor, 2000, dtv)

 

 

 

BILD

 

PEDRO PALMA ist einer der meistpublizierten Cartoonisten seines Heimatlandes Portugal und betätigt sich darüber hinaus als freischaffender Journalist, Fotograf, Grafikdesigner und Maler. Seine Projekte reichen von seinen Karikaturen, die über das New York Cartoonists & Writers Syndicate in 40 Ländern der Welt publiziert werden, über seine Korrespondententätigkeit im Irakkrieg im Jahre 2003 für eine der größten portugiesischen Tageszeitungen bis zur Publikation seines letzten Projekts im Bereich Cartoon im Jahr 2005, eines Albums zu den Menschenrechten in Cartoon und Karikatur mit der Unterstützung von Amnesty International. Seine große Leidenschaft gilt dem Porträt, dem er bereits zwei in Portugal veröffentlichte Bildbände gewidmet hat.

Pedro Palma lebt in Cascais bei Lissabon. ”Sexpressions” ist sein erstes Ausstellungsprojekt in gleichberechtigtem Gegenüber von Bild und Text.

 

Mehr über und von Pedro Palma:  pedropalma.net



Back